65 Jahre Stadt Schwabmünchen

Ein Spaziergang durch Alt-Schwabmünchen

Eine Amüsante Nostalgiewanderung

Der Bahnhof um 1847. Fotos: Elmar Pfandzelter
Der Bahnhof um 1847. Fotos: Elmar Pfandzelter
Ein Spaziergang durch Alt-Schwabmünchen erdacht und geführt von Elmar Pfandzelter im Sommer 1938 (damals 14 Jahre alt), verfasst im Jahr 2010.

Ich darf Sie zu einem Spaziergang einladen, zu einer Nostalgiewanderung durch unsere Stadt. Den Älteren sei damit eine Chance gegeben in ihre eigene Jugend zurückzufinden. Die jüngeren Leute, oder alle, die hierher ziehen, gewollt oder verpflichtet, können sich ein Bild über das frühere Schwabmünchen machen. Versetzen wir uns also in das Jahr 1938. Vor 80 Jahren.

Als Ausgangspunkt wählen wir den Bahnhof. Er wurde nach der Eröffnung der Bahnlinie Augsburg-Lindau-Chur 1847 erbaut. Schwabmünchen ist Haltestation für Eilzüge, normale Personenzüge und Güterzüge. Es gibt auch einen Nahverkehr Augsburg-Schwabmünchen und zurück. Mehrmals täglich kommt der Zug, die Fahrzeit einfach dauert 45 Minuten, weil der Zug am Bahnhof Mittelstetten, Großaitingen, Wehringen, Bobingen, Inningen, Göggingen und Morellstraße Augsburg hält um zum Hauptbahnhof zu kommen.

Neben dem Bahnhof steht das 1914 erbaute Postamt. Seit 1911 gibt es eine Motorpostlinie zu den Stauden, im Ort aber verkehrt noch eine Postkutsche. Die Briefpost wird täglich zweimal ausgetragen. Gegenüber kommt die Bahnhofrestauration. Das was für die Postkutscher das Einkehrlokal. Wir gehen weiter zur Bahnhofstraße, bleiben aber auf dem Trottoir, weil auf der Straße öfters landwirtschaftliche Fahrzeuge kommen, manchmal sind es Ochsengespanne. Ab und zu kommt auch ein Auto. Jetzt kommen gerade die Knolls, die an der Straße eine Spedition mit einem Pferdefuhrwerk betreiben.

Bei den Hexentürmen wurden früher Hexen verbrannt.
Bei den Hexentürmen wurden früher Hexen verbrannt.
Dann biegen wir rechts in die Ferdinand-Wagner-Straße ein und kommen zum Kriegerdenkmal für die Gefallenen des Krieges 1870/71. Den Leuten sage ich, dass die Säule eigentlich beim Bau des Schlosses Herrenchiemsee verwendet werden sollte. Da sie einen Haarriss hat wurde sie nicht abgenommen und hier verwendet. Gegenüber ist das Schulhaus an der Museumstraße. Dort wohnen meine Eltern und ich musste dort auch in die 8. Klasse gehen, wo mein Vater unterrichtete. Das war eine harte Zeit, o je! Ich bin froh jetzt täglich nach Augsburg in eine höhere Schule fahren zu dürfen. Eine Monatskarte für Schüler kostet 8.50 Reichsmark!

Schachtel Zigaretten für 15 Pfennig

Jetzt machen wir einen Abstecher hin zum Kroengelände. Dieses ist ausgeziegelt, so dass man von der höher gelegenen Straße einen guten Überblick hat. Rechts die Zimmerei mit Barackenfabrikation, links das Sägewerk und dahinter die Ziegelei. Nach Süden hin ist der Lagerplatz mit vielen hohen Bretterstapeln. Dort habe ich kürzlich mit meinen Freund Gerhard geraucht. Gerhard hat eine kleine Schachtel mit fünf Zigaretten Marke Zuban gekauft. Aber das war nichts. Gerhard hat gleich gespien, mir war auch schlecht. Wir meinten, dass wir so schnell nicht mehr rauchen würden, die Schachtel war auch zu teuer, sie kostete 15 Pfennig.

Dann gehen wir durch das Pfarrgässele zur Mariengrotte, die meinen Begleitern besonders gefällt. Eine Frau war ganz entzückt und meinte, dass es heuer genau 80 Jahre sei, dass in Lourdes die Muttergottes erschien. Dann gehen wir in die Pfarrkirche hinein. Da ich seit Jahren Kirchenchorknabe bin konnte ich ein bisschen erzählen. Vom Altar und so. Das Deckengemälde gefällt den Leuten besonders und ich sagte, dass es von einem Schwabmünchner Künstler namens Ferdinand Wagner gemalt wurde. Da staunten sie! Ein Schwabmünchner kann so etwas machen!

Das Kriegerdenkmal wurde im Jahre 1886 eingeweiht.
Das Kriegerdenkmal wurde im Jahre 1886 eingeweiht.
Jetzt gehen wir zur Straßenmitte, drehen uns um und bewundern den Blick auf die weite Straße und die Kirche als Abschluss. Da können wir ruhig etwas verweilen, denn hier stört uns niemand. Dann gehen wir weiter bis zum Bezirksamt, das ab November Landratsamt heißen wird. Hier gefallen uns die beiden Hexentürmchen, die einst die Einfahrt zum Rentamt beziehungsweise der Vogtei waren. „Warum Hexentürme?“ fragte eine Frau. Ich sage ihr, dass es hier früher viele Hexen gab, die aber verbrannt wurden. Auf die weitere Frage, ob es heute auch noch welche gäbe, meine ich überzeugend, das könnt wohl sein. Jedenfalls hat kürzlich mein Vater bei einer Diskussion mit meiner Mutter über eine ältere Frau gesagt, das sei eine alte Hexe.

Nur 200 Meter weiter kommen wir zum Amtsgericht. Das stattliche Haus, schlossähnlich, ist der Abschluss der Fuggerstraße nach Norden hin. Und die Fuggerstraße ist ab dem Goldschmied Reis die verlängerte Hindenburgstraße. Jetzt wäre ein Chabeso gut, dacht ich und kam der Meinung eines Mannes nahe. Dieser wollte unbedingt ins Gasthaus Krone gehen um ein verdientes Bierchen zu trinken. Alle stimmen zu und ich bekam zwar keinen Chabeso aber eine Tüte Eis um fünf Pfennig.

Frisch gestärkt setzen wir unsere Wanderung fort und besuchen die Frauenkapelle. Hier sind meine Gäste begeistert von der herrlichen Ausstattung im frühbarocken Stil. Ganz besonders gefällt der Hochaltar, es ist ein Anbetungsaltar nach dem Vorbild bei Sankt Ulrich Augsburg. Dann gehen wir weiter über die Frauenstraße bis zur Singoldbrücke, vorher zeige ich die alte Geierburg, die ja ein Gefängnis ist, was besonders imponiert. An der Brücke wird das große Wasserrad bewundert. Schon im 18. Jahrhundert betrieb es eine Lohmühle. Das Plätschern des Wassers stimmt uns auf den Weiterweg zum nahen Luitpoldhain ein. Er ist ein Aushängeschild für die Marktgemeinde und wird besonders bei den jährlichen Heimatfesten zum Mittelpunkt des ganzen Ortes.

1824 bis 1901: Das erste Krankenhaus in Schwabmünchen.  
1824 bis 1901: Das erste Krankenhaus in Schwabmünchen.  
Wir gehen zum Alpinum, für den man einst die Steine bis zum Lech herüberholte. Über den Rundweg geht es zurück in Richtung Jahnstraße. Dort zeige ich die Jahn-Turnhalle, die im Jahr 1912 gebaut wurde.

Dann gehen wir hinauf zur Mussolinistraße, wo ich Wert darauf lege, dass man den Luitpoldbrunnen besichtigt. Ich erkläre, dass wir Buben hier gerne mit den so genannten „Spritzzapfen“ spielen können. Das sind normale Gummisauger für Babyflaschen, man kann sie für fünf Pfennig beim Winter kaufen. Am Wasserhahn füllt man sie auf, bis sie prall gefüllt sind. Dann kann man leicht auf die Mädchen spritzen. Der Strahl reicht sogar bis zur anderen Straßenseite. Dann kommen wir an der Gendarmeriestation vorbei, wo ich aber nicht halte. Interessant ist der Oescheyberg und ich erkläre, dass man im Winter mit dem Schlitten vom Schrannenplatz aus den Berg hinunterfahren kann bis zum Gerberbächle.

Höchste Stelle des Ortes

Auf dem Schrannenplatz zeige ich die Gossnerbrauerei und den Maibaum. Das Gebäude der Schranne interessiert nicht, dass auf dem Platz aber bis vor kurzem Vieh- und Schweinemärkte stattfanden, erregt Aufmerksamkeit. Nun kommen wir in den südlichen Bereich Schwabmünchens. Auf der Alpenstraße gehen wir hinauf zum Alpenzeiger, der höchsten Stelle des Ortes. Von dort aus kann man bei schönem Wetter, besonders bei Föhn, die Alpenkette von den Salzburger Bergen bis zu den Oberstdorfer Bergen sehen. Auch die Anpflanzung der 13 Linden ist eine Seltenheit und jeder fängt an zu zählen.

Die Wertachklinik Schwabmünchen heute. Zum 1. Juli 2006 wurde das „Gemeinsame Kommunalunternehmen Wertachkliniken Bobingen und Schwabmünchen“ gegründet. Die zwei bislang selbstständigen „Städtischen Krankenhäuser Bobingen und Schwabmünchen“ wurden fortan unter einem Dach vereinigt, um der Bevölkerung auch langfristig eine qualitativ hochwertige, aber auch wirtschaftlich überlebensfähige Krankenhausversorgung bieten zu können. Seit 2010 laufen Renovierungen. Fotos: Wertachklinik Schwabmünchen/Sonja Schönthier
Die Wertachklinik Schwabmünchen heute. Zum 1. Juli 2006 wurde das „Gemeinsame Kommunalunternehmen Wertachkliniken Bobingen und Schwabmünchen“ gegründet. Die zwei bislang selbstständigen „Städtischen Krankenhäuser Bobingen und Schwabmünchen“ wurden fortan unter einem Dach vereinigt, um der Bevölkerung auch langfristig eine qualitativ hochwertige, aber auch wirtschaftlich überlebensfähige Krankenhausversorgung bieten zu können. Seit 2010 laufen Renovierungen. 
Fotos: Wertachklinik Schwabmünchen/Sonja Schönthier
Im nahen Schützenheim ist Ruhetag. Schade, denke ich. Aber wir gehen weiter und hin zum Wiesengottele, dem Mittelpunkt der einstigen Hinrichtungsstätte. Ich erkläre, dass 1802 hier die letzte Hinrichtung stattfand. Opfer war die Brandstifterin Maria Frankin.

Dann kommt das vor drei Jahren eröffnete Volksbad. Das kalte Singoldwasser fließt durch das Becken und läuft dann in den Feldgießgraben, der schon 1830 angelegt wurde. Er ist eigentlich ein Kanal, der Singoldwasser zur nahen Wertach leitet.

Über den Hexensteig (schon wieder Hexen!) kommen wir zum Krankenhaus, 1901 in Betrieb genommen. Hinter dem Haus sieht man das sogenannte „Armenhaus“. Es wurde 1825 erbaut und war das erste Krankenhaus am Ort. Ich gehe schnell weiter über die Mindelheimer Straße ortseinwärts. Und komme zum Gerberbächle. Jeder meint, das sei ein künstlich angelegter Wasserlauf für die Gerberei und Färbereien. Das stimmt aber nicht. Das heutige Bächlein war früher ein von der Natur geschaffener Nebenarm der Singold und war sogar an manchen Stellen breiter als die Singold selber.

Erst Ende des 19. Jahrhunderts wurde der Bachlauf reguliert, weil man die Straße verbreitern wollte. Ich zeige meinen Gästen die Stelle, wo im Winter unsere Schlitten automatisch zum Stehen kommen und jeder schaut zum Oscheyberg hinauf und ich spüre, dass man meinen Mut bewundert. Dann erzähle ich noch die Geschichte vom Tierarzt Dr. Beer. Er war auch einer der ersten Autofahrer in Schwabmünchen. Die Straßen waren damals noch nicht geteert, nur aufgekiest. Eines Tages fuhr Dr. Beer schneidig den Berg hinunter, übersah dabei den Kieshaufen und fuhr stockvoll in diesen hinein. Da kam der Wegmacher dahergelaufen, gestikulierte wild herum und sagte: „Mei Herr Doktor, hams denn den Haufen it gsea?“ Da meinte der Doktor nur: „Ja gestern scho, aber i hab gmeint, den hams inzwischa scho weggmacht!“

Eine Nostalgiewanderung

Es ist Zeit zum Mittagessen, das die Gäste im „Goldenen Engel“ bei Kreuzers einnehmen. Dort treffen sie auch den hiesigen Amtsgerichtsrat, der ihnen gerne weitere Besonderheiten Schwabmünchens beibringt. Weil das Wetter so gut ist, treffen wir uns anschließend und setzen die Nostalgiewanderung fort. Weil zwei Lehrer dabei sind, will man Näheres über unsere Schulen wissen.

Das Schulhaus an der Museumstraße 2 haben wir schon gesehen, weshalb ich auf das Haus im Pfarrgässele hinwies, das jetzt allerdings kein Schulhaus mehr sei. Umso besser konnte ich über das 1877 erbaute große Schulhaus erzählen, ist es doch mein Geburtshaus. Meine Eltern hatten dort bis 1929 eine Dienstwohnung. Jetzt heißt die Schule „Hans-Schemm-Schule“. Dieser Name war den Lehrern schon bekannt.

Da konnte ich mich nicht zurückhalten und ich erzähle ihnen folgende wahre Begebenheit: „Im Schulhaus wohnte auch ein Hauptlehrer, den man nur Konne nannte. Eines Tages hing in der Früh an seiner Wohnungstür ein Zettel mit dem Vermerk „Der Konne ist blöd“. Das konnte der sogenannte Lehrer nicht auf sich sitzen lassen. Deshalb nahm er einen weiteren Zettel, auf den er schrieb: „Diesen Zettel fand ich heute an meiner Wohnungstüre. Was tun?“

Dann musste der kleine aber flinke Paul beide Zettel zum Rektor im oberen Schulhaus bringen, um dort auf eine Antwort zu warten. Rektor Pfandzelter, den man nur „Schorsch“ nannte, las beide Zettel und schrieb schmunzelnd folgende Antwort auf den Zettel von Konne: „Das wusste ich schon lange, doch schriftlich hatte ich es noch nie.“ Schnell lief Paul zurück und übergab den Antwortzettel dem Konne, der die Antwort las und den Zettel gleich zerriss, damit keiner die Antwort lesen konnte, was der Paul unterwegs bereits getan hatte… Meine Gäste haben große Freude an dieser Geschichte, nur die zwei Lehrer halten sich etwas zurück.

Wir gehen weiter und kommen zum Schulhaus an der Frühlingsstraße, 1914 in Betrieb genommen. Heute heißt sie „Adolf-Hitler-Schule“. Glücklicherweise kommt zufällig die Hauptlehrerin Frau Rosa Wettemann vorbei, die auch gleich eine Führung durchs Haus macht.

Wir gehen weiter, kommen am Friedhof vorbei und halten uns vor der Fabrik Holzhey etwas auf. 1895 nahm sie den Betrieb auf, viele Leute aus Schwabmünchen und Umgebung haben hier ihren Arbeitsplatz. Die englische Fassade der Fabrik wird besonders bewundert. Da räuspert sich einer der beiden Lehrer, er holt seine Taschenuhr aus der Westentasche und meint, dass es nun Zeit zum Heimfahren sei. Ich begleite sie bis zum Bahnhof, doch plötzlich pressiert es nicht. Man möchte noch einen kleinen Umtrunk in der Bahnhofsrestauration bei Schröppel machen.

Ich verabschiede mich artig und man gibt mir gönnerhaft 50 Pfennig mit dem Vermerk, ich hätte die Führung gut und aufschlussreich gemacht. Für einen Buben mit 14 Jahren sei es großartig gewesen. Dieser Meinung was ich auch und verabschiede mich mit dem üblichen Gruß.

Ein Haufen Geld

50 Pfennig sind ein Haufen Geld, wenn man bedenkt, dass zwei Lehrer dabei waren. Wie ich so weitergehe, die Bahnhofstraße hinein, denke ich mir, für den ganzen Tag seien 50 Pfennig eigentlich doch wenig, wenn man bedenkt, dass zwei Lehrer dabei waren. Mann sieht, im Leben muss man alles von zwei Seiten aus betrachten.

Ich komme zur Bäckerei Mautz an der Ferdinand-Wagner-Straße und da nicht vorbei. Für zehn Pfennig kaufe ich zwei Bollen Eis und für weitere zehn Pfennig ein Stück Kuchen mit dem Hinweis, man bräuchte ihn nicht einpacken. Dann setze ich mich auf die Stufe beim Haus des Arztes Dr. Schwab und genieße das Erstandene.

Daheim will meine Mutter wissen wie es mir ging. Ich lob mich selber und erzähle mit Freude, dass ich 30 Pfennig Gage bekommen habe. Das sei aber großzügig meint meine Mutter, obwohl zwei Lehrer dabei waren.

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